Talentcube: Videos vom Bewerber für den Recruiter

Talentcube: Videos vom Bewerber für den Recruiter

Das Startup Talentcube aus München will Bewerbern helfen, mit Videos im Bewerbungsverfahren zu punkten. Personaler sollen gleichzeitig entlastet werden und sich ein besseres Bild von den Kandidaten machen können. Wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, schreibe ich an dieser Stelle gerne über neue – und wie ich finde spannende – Geschäftsmodelle aus den Bereichen Jobsuche und Recruiting, in diesem Fall über die junge Firma aus Bayern. Nach dem ersten Wurf, einem Interview mit dem Gründer von Zenjob, habe ich mich jetzt mit Hendrik Seiler, einem der Macher von Talentcube, über seine App unterhalten.

Hi Hendrik, beschreibe bitte kurz: was macht Talentcube genau?

Talentcube ist ein Videorecruiting-Tool, das beim Bewerbungsprozess zum Einsatz kommt. Die Besonderheit ist, dass die Recruiter sich dank des Videos schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt, nämlich vor dem eigentlichen Bewerbungsgespräch, einen persönlichen Eindruck von ihren Kandidaten verschaffen können. Sie stellen den Jobinteressierten dazu ganz konrete Fragen, die vom Kandidaten dann per Video in unserer App beantwortet werden. Die Videos werden anschließend direkt ans Unternehmen gesendet.

Hendrik Seiler
Hendrik Seiler von Talentcube

„Die suchenden Unternehmen können Dank Talentcube von jedem Bewerber einen persönlichen Eindruck gewinnen“

Eure App ist also kein Conferencing-Tool – sondern funktioniert nur in eine Richtung, nämlich vom Bewerber zum Personaler, richtig?

Genau – wir sprechen deshalb gerne von zeitversetzten Videointerviews. Ein großer Vorteil für beide Seiten, wie wir finden. Vom Unternehmen werden im Vorfeld Fragen definiert, die dann von den Kandidaten per Smartphone vollkommen zeitunabhängig beantwortet werden können.

Wie funktioniert das genau?

Der Kandidat kriegt eine Einladung vom Unternehmen, das Videointerview durchzuführen. Er oder sie lädt sich dann unsere App herunter, gibt den Job-Code ein, der mit der Einladung verschickt wurde und dann werden nacheinander drei Fragen gestellt. Die Fragen kriegt der Kandidat das erste Mal in der App zu sehen. Er hat dann pro Frage 30 Sekunden Zeit, sich auf die Antwort vorzubereiten und danach weitere 30 Sekunden, um die Frage zu beantworten.

Und was ist jetzt der spezifische Vorteile daran? Man kann ja auch ein Telefoninterview führen, wenn die Bewerbungsunterlagen überzeugend sind.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass bei sehr vielen Stellen der Gesamteindruck einer Person zählt. Dazu gehört das persönliche Auftreten und auch, wie sich jemand verkaufen kann. Das können wir mit den Videos erstmalig transportieren. Im Gegensatz zu einem klassischen Interview per Skype handelt es sich bei uns um einen standardisierten Prozess, sodass die suchenden Unternehmen von jedem Bewerber einen persönlichen Eindruck gewinnen können. Das reduziert den Mehraufwand für die Recruiter enorm! Dadurch, dass es nur relativ kurze Videos sind, wird auch der authentisch erste Eindruck sehr gut vermittelt. Wir wollen auch gar nicht das klassische Bewerbungsgespräch ersetzen, sondern den Recruitern ein weiteres Instrument an die Hand geben, um den Auswahlprozess noch weiter zu verfeinern. Durch die Standardisierung können die Videos auch sehr schnell verarbeitet werden – schneller als wenn jeder Bewerber seine eigenen Videos mit unterschiedlichen Längen und Formaten selbst per Mail verschicken würde.

Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann werde ich also bei Talentcube keine Stellenanzeigen finden. Stattdessen setzen Recruiter eure Lösung ein, um damit ihre geeigneten Kandidaten anzusprechen?

Das ist richtig. Wir sind keine Jobplattform. Es gibt in der Regel zwei Szenarios, wie Talentcube von Personal eingesetzt wird. Zum einen ist es so, dass sich Talente ganz regulär bei den Unternehmen bewerben, um dann zum Videointerview via Talentcube eingeladen zu werden. Die zweite Variante sieht vor, dass das Unternehmen direkt bei der Stellenanzeige die Möglichkeit angibt, sich über unsere App zu bewerben.
Wir bieten aktuell an, sich mit XING, LinkedIn oder Facebook anzumelden. Aus den Informationen in diesen Netzwerken bauen wir dann auch gleich einen Vorschlag für einen Lebenslauf. So kann dann auch der gesamten Bewerbungsprozess mit der App abgebildet werden.

„Talentcube wird dort eingesetzt, wo es wichtig ist, wie die Person nach außen auftritt“

Das heißt, ihr bewerbt eure App zur Zeit vor allem Unternehmen und nicht bei Jobsuchern?

Genau. Aktuell sind wir eigentlich nur auf Unternehmen fokussiert und sammeln hier wichtige Erfahrungen, in welchen Bereichen bzw. für welche Stellen unser Tool die meisten Mehrwerte liefert. Das sind häufig Stellen, wo es auf die Persönlichkeit des Bewerbers ankommt, beispielsweise im Vertrieb und allgemein überall dort, wo Kundenkontakt zu erwarten ist und es wichtig ist, wie die Person nach außen hin auftritt.

Für welche Karrierestufen ist der Einsatz von Talentcube interessant?

In der Regel handelt es sich dabei um Jobs für Jobeinsteiger oder Young Professionals. Wir haben aber auch Unternehmen, die Kandidaten mit deutlich mehr Berufserfahrung zu Videointerviews einladen. Auch hier funktioniert der Einsatz von Talentcube sehr gut. Wenn die Aufforderung vom Unternehmen ausgeht, würde ich die Erfolgsquote gar nicht auf ein bestimmtes Alter beschränken. Es gibt auch über 50-Jährige, die mit unserer App das Videointerview durchlaufen.

Kristallisiert sich da ein Branchenfokus heraus?

Gar nicht so sehr branchenbezogen. Wir haben Kunden von Beratungsunternehmen bis zum Autombobilsektor. Spitzen formen sich eher branchenübergreifend – bezogen auf die ausgeschriebenen Tätigkeiten. Insbesondere der Vertrieb bildet hier einen echten Schwerpunkt.

Hattet ihr schon einmal den Fall, dass Unternehmen oder User den Prozess in der von dir dargestellten Form abgelehnt haben, sodass ihr Leute ausgrenzt, die keine Lust auf die Bewerbung per Video haben?

Ganz vereinzelt kann das in sehr seltenen Fällen durchaus vorkommen. In der Regel ist das Feedback allerdings auch von der User-Seite sehr, sehr positiv. Die Vorteile treten ja auch schnell zu Tage: jemand der keinen Hochglanz-Lebenslauf oder die besten Noten und Zertifikate hat, kann mit einem Video auch mit seiner Persönlichkeit bei Unternehmen punkten. Es kann ja sein, dass zum Beispiel ein Top-Vertriebler nicht den besten Lebenslauf vorweisen kann, aber von der Person und dem Charakter her perfekt auf eine Stelle passen würde. So ein Bewerber wäre im klassischen Prozess vielleicht nie eingeladen worden, weil nur die „normalen“ Bewerbungsunterlagen vorliegen.

Themenwechsel: Wie muss man sich die Firma hinter der App denn so vorstellen?

Wir sind mit der Beta-Phase gestartet Ende 2015. Seit dem Frühjahr 2016 sind wir komplett live – und aktuell entwickelt sich alles recht gut! Zunächst hatten wir den Fokus auf mittelständische Unternehmen gelegt. Mittlerweile sind auch schon große Konzerne auf uns zugekommen und wollten Talentcube ausprobieren.

Kannst du etwas über eure Geschäftsentwicklung verraten?

Da wir noch am Anfang sind, ist es in der Regel so, dass die Unternehmen zum Start erst einmal ein oder zwei Stellen mit Einbindung von Talentcube schalten. Im Schnitt laufen ca. 250 Stellen im Monat über Talentcube. Mit stetig wachsender Tendenz. Aktuell sind es ca. 20 Unternehmen, die Talentcube benutzen.

Wie und wo arbeitet ihr an eurer App?

Wir haben in Stuttgart angefangen und sind inzwischen umgezogen nach München. Hier werden wir aktuell noch in einem Startup-Programm von der LMU gefördert. Gestartet sind wir Gründer ursprünglich zu dritt und haben das Team jetzt schon erweitert, sodass wir jetzt zu fünft an Talentcube arbeiten. Wir suchen aber auch noch Verstärkung (lacht)!

Vielen Dank, Hendrik, für das Gespräch!

Hier könnt ihr das Interview mit Stephan, dem Gründer von Zenjob, nachlesen. Eine Übersicht der verschiedenen Möglichkeiten, sich nach einem (neuen) Job umzusehen, findet ihr hier. Wenn es dann soweit ist und ihr eingeladen seid, gibt es hier die wichtigsten Tipps für die Bewerbungsphase. Mehr über das Entrepreneurship Center der LMU findet ihr hier.

Artikelbild: Paško Tomić Flickr cc

John

John

Die Zukunft der Arbeitswelt ist mein Fokusthema. Ich möchte jetzt schon verstehen, wie Berufsleben morgen funktioniert - und die Gedanken auf Bapply.de teilen. Dafür lese ich viel über neue Organisationsformen und -modelle (Stichwort "New Work") und führe regelmäßig Gespräche mit interessanten Menschen.
John


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *